Konzert als audiovisuelle Erfahrung:

„Konzert (über ital. concerto von lat. concertare „wetteifern“, später und seltener auch ital. conserto, von lat. conserere „zusammenfügen“) im Sinne einer Musikveranstaltung nennt man den Vortrag von Musik vor einem eigens zu diesem Zweck versammelten Publikum („Hörerschaft“), meist auf einer dafür geeigneten oder eigens errichteten Bühne. Dies kann öffentlich oder privat sein.

Der Begriff grenzt sich ab von Veranstaltungen, bei denen die Musik nicht die Hauptsache ist.

„Zu Zeichen unserer Zeit gehört, dass sich alte Konventionen und Formen auflösen und vermischen. Mit visuellen Reizen überflutete Konzerte und Audioinstallationen in Museen der bildenden Kunst bilden mittlerweile die Norm. Die Verwendung alter Musikformen wie Sonate, Fuge oder Choral gehört einerseits der Vergangenheit an, andererseits erleben sie gerade eine Renaissance.

Eine strikte Trennung der Künste und der Art, in der sie dargeboten werden, ist nicht mehr zeitgemäß. Es entstehen immer neue Konventionen, die Spiegel der jeweiligen Zeit und Gesellschaft sind. Konventionen bieten jedoch immer einen Rahmen und sind notwendig, da sie einen bestimmten Kontext und dadurch auch Verhaltens- und Betrachtungsregeln vorgeben. Um das zu veranschaulichen, können wir uns eine Darstellung des Geschlechtsakts einmal in einer Kunstgalerie, dann auf einer Pornoplattform vorstellen. Der Kontext weist auf die Art der Betrachtung hin, er lädt entweder zur Reflexion oder zum Konsum ein.

Der Titel des Konzerts und der Raum eines Konzertsaals geben einen bestimmten Rahmen vor, der natürlich erweitert oder gesprengt werden kann. Ich finde Konventionen wichtig, da sie fast immer bestehen. Selbst ein Konventionsbruch bildet oft eine neue Konvention, z.B. lässige Konzertkleider und besondere Beleuchtung bei Konzerten Neuer Musik oder rosa Flamingos und Vibratoren in Performances von KomponistInnen aus der feministischen Szene. Ich bin der Meinung, dass das Auflösen jeglicher Form zum allgemeinen Chaos und zur unangebrachten Durchmischung führt. Was passiert, wenn man eine Menge der schönsten Farbtöne vermischt? Es entsteht ein undifferenzierter braungrauer kotartiger Farbton. Jedes „Etwas“ benötigt Grenzen, durch die es sich zu definieren vermag. Die Grenzen können betont sein. Sie können ineinander übergehen oder verschwommen sein. Ein schönes Beispiel dafür bieten Bilder von Mark Rothko. 6 https://de.wikipedia.org/wiki/Konzert_(Veranstaltung) 6 Das Konzertformat mit Musikern auf der Bühne, die Musikstücke nach Noten spielen, verschafft mir die nötige Konvention und Grenze, an der sich sowohl ich, die Komponistin, als auch das Publikum und die InterpretInnen anlehnen oder reiben können.

Es ist verlockend, als KünstlerIn jegliche Rahmen zu sprengen. Dann besteht jedoch die Gefahr, sich in Trümmern zu verlieren und im schlimmsten Fall, sich in ungewollten Gegenden wiederzufinden. Deshalb halte ich es für unbedingt notwendig, neue strikte Rahmen zu gestalten, um Erfahrungen des Publikums (sich selbst eingeschlossen) zu erweitern und menschliche, ästhetische und geistige Bedürfnisse7 zu stillen. Für die Kunstveranstaltung mit Namen: Masterabschlusskonzert „fiori musicali“ habe ich folgende Rahmen festgelegt: Es ist ein Abschlusskonzert. Es findet im Konzertsaal einer Hochschule statt. Es gibt Instrumentalisten, Instrumente und Publikum. Es gibt Spiegelneuronen in jedem Gehirn. Das Wort „Konzert“ ist für mich Bestandteil des formalen Rahmens.

Auch wenn der Fokus auf der Musik liegt, lässt sich die Wahrnehmung nicht auf sie eingrenzen, denn in Konzerten werden nicht nur akustische Reize rezipiert, die Augen bleiben nicht verschlossen, die Spiegelneuronen sorgen dafür, dass wir uns in die Menschen auf der Bühne einfühlen, der Verstand sucht ununterbrochen nach Zusammenhängen und klassifiziert alle Reize nach bekannten und unbekannten8 . Die Musik und musikalische Herangehensweise dienen der Organisation des szenischen Geschehens. Der Klang ist hier in Wirklichkeit gleichberechtigt mit anderen Wahrnehmungen. In meinem Konzert wollte ich das ganze Geschehen reflektieren. Daher ist für mich mein Abschlusskonzert als eine audiovisuelle Erfahrung angelegt.

Schnittstelle zwischen Musikinterpretation und Schauspiel

Abgesehen von theoretischen Diskussionen über eine Trennung der Kunstsparten finde ich es naheliegend, die Bühne als Bühne zu betrachten und eine Kunstaufführung als Kommunikationsform zwischen dem, was auf der Bühne passiert, und einem Publikum.

Im Sinne der Kommunikationstheorie ist jeder Aufführende auf der Bühne ein Sender, der in bewussten und weniger bewussten Zeichen kodierte Inhalte sendet und das Publikum als Empfänger der Zeichen erkennt. Folgende Zeichnung zeigt vereinfacht das, was in einer Kunstveranstaltung geschieht.



(Quelle: Ulrich, Winfried, Linguistische Grundbegriffe, S.56-57)

[Abb.2 Kommunikatiomsmodell]

Unter dieser Prämisse ist es für mich nicht relevant, ob der Aufführende ein Musiker oder Schauspieler genannt wird. Wenn ein Mensch gute Sendefähigkeiten besitzt, sind die Zeichen mehr oder weniger austauschbar. Wie in einem Radio können verschiedene Inhalte in unterschiedlichen „Sprachen“ und mit verschiedenen „Zeichenvorräten“ übertragen werden. Für meine Kunst spielt der menschliche Körper als Medium die zentrale Rolle. Es ist zweitrangig, ob der Körper ein Instrument oder anderes Objekt animiert. Das Medium „Körper“ hat die Aufgabe, immaterielle Ideen in physikalische Form zu übersetzen und zu vermitteln.

Ich finde es wichtig zu bedenken, dass sowohl zum Schauspiel als auch zum Musikspiel große handwerkliche Kunst gehört. Wenn man jedoch ein Handwerk richtig beherrscht, ist es einfacher, ein anderes zusätzlich zu erlernen, weil man sich der Tiefe der Materie bewusst ist. Das Handwerk des Musikspiels und des Schauspiels haben viele Schnittstellen und wirken gegenseitig unterstützend. Ich bedaure sehr, dass es in der Musik oft zum Schauspiel kommt und andersherum ohne genügenden Respekt gegenüber dem erforderlichen Können. Erst wenn man genauer nach Schnittstellen sucht, ausprobiert und sie benennen kann, kann es hoffentlich möglich sein, beide Bereiche der szenischen Aufführung auf einem guten Niveau auszuüben.

Ich habe während meiner Suche folgende Schnittstellen gefunden:

  • Das Agieren in der Zeit.
  • Der Umgang mit Spannung.
  • Die Wahrnehmung des Ausdrucks und der Emotionen der Aufführenden durch das Publikum.
  • Die Interpretation des Textes (auch des Notentextes) oder der Anweisung.
  • Die Vorbereitung durch Einstudierung und Übung.
  • Der Auftritt mit dem eigenen Körper auf der Bühne.

Obwohl es keinen schauspielerischen Unterricht für Interpretinnen und Interpreten Neuer Musik gibt und keine Musikausbildung für Schauspieler, finde ich die Schnittstellen für meine kompositorische Arbeit sehr anregend. Ich möchte Musiker damit konfrontieren, dass sie ihre Handlung als solche auf der Bühne reflektieren. Ich suche nach eine Art Fusion von Theater und Musik.

Ich finde wichtig zu sagen, was ich unter „Theater“ verstehe, da wahrscheinlich meine Auffassung von Theater nicht unbedingt die populärste ist, was zu Missverständnissen führen könnte. Für mich ist Theater eine Kunstart, die eine bestimmte Zeit in Anspruch nimmt. Eine Art, die erlaubt, alle möglichen Künste zu verbinden. Theater ist auch ein Ort, in dem es Publikum gibt, das in einem ganzheitlichen Erlebnis eine artifizielle jedoch reale Erfahrung machen möchte. Theater ist eine erlebbare Welt aus einer anderen Realität, in die ein Fremder einsteigen kann. Es soll dazu dienen, die eigenen Erfahrungen durch Besuch einer anderen Realität zu erweitern. So gesehen betrachte ich jedes Konzert als eine Art von Theater. Auf meine Liste der theatralischen Veranstaltungen gehören auch: jedes religiöse Ritual wie ein Gottesdienst oder eine Schamanenzeremonie, jeder in Präsenz stattfindende Vortrag und politische Auftritt, eine Demo und manchmal ein Drama im privaten Bereich, also zusammengefasst: jede Darstellung, die ein mehr oder weniger involviertes Publikum hat. Theater bedeutet für mich nicht zwingend Kunst. Es gibt aber sowohl gute als auch schlechte Kunst in der Form des Theaters.

Durch Reflexion über die Schnittstellen zwischen Musik und Schauspiel bin ich auf folgenden Gedanken gekommen. Es ist meine persönliche Beobachtung. Die höchste musikalische Leistung kommt einer höchsten schauspielerischen Leistung sehr nahe. Ich möchte es in folgender mir einleuchtenden Metapher beschreiben.

Die Spitzenleistung der Musik- und Theaterschaffenden ist ein hoher Berg. Die beiden Gruppen besteigen den Berg jedoch aus unterschiedlichen Richtungen. Die einen starten im Süden, die anderen im Norden. Jeder Berg sieht von beiden Seiten unterschiedlich aus. So findet man Heidelbeeren eher auf den nördlichen, Himbeeren und Walderdbeeren eher an den südlichen Hängen. Während die Südseite im Frühling mit Krokussen bewachsen ist, liegt an der Nordseite noch Schnee. Je höher die Wanderer steigen, desto ähnlicher ist die Flora, desto gleicher die Temperaturen, desto näher sind sie aneinander. An der Spitze treffen sie sich und können sogar gemeinsam um den Gipfel kreisen.

Obwohl ich Musik mache, ist mir das Denken sowohl von Antonin Artraud als auch von Samuel Beckett sehr nah, auch wenn sich beide mit Theater und nicht mit Musik befassten.